Rotkehl

Die Geschichte eines zutraulichen Vogels

 

März 08

 

Vögel wie Amseln, Spatzen, Grünfinken, Dompfaffen, Buchfinken, Grasmücken, Zaunkönige, Zilp Zalp und viele mehr sind in unseren Gärten heimisch und gehören einfach dazu. Ist man im Freien, dann teilt man sich den Lebensraum.

Und wenn man sich oft sehen lässt, ist man für viele Tiere auch keine wirkliche Gefahr mehr. D.h., man gewöhnt sich aneinander ….. und weil das so ist, bekommt man sie auch oft zu Gesicht.

 

Ohne dass wir das Geschehen willkürlich beeinflussten, ergab es sich, dass über die Jahre immer einmal andere Vögel in den Vordergrund, d.h., in unseren Fokus traten.

 

Frau Pfau

Einmal war es ein weiblicher Pfau, der jede Nacht seinen Schlafplatz in der Weißbuche aufsuchte. Eigentlich ganz witzig, wenn seine Kotmengen nicht so immens gewesen wären. Ausserdem hatte er eine Vorliebe für angebautes Gemüse.

 

Herr Pfau

Ein anderes Mal (Jahr) war es ein ausgebüchster männlicher Pfau, der jede Nacht bei uns in der Weide seinen Schlafplatz zu nehmen pflegte und uns morgens mit seinem durchdringenden Tröten senkrecht im Bett stehen ließ.

Je nachdem, ob er hungrig war oder nicht, zeigte er sich mehr oder wenig zutraulich.

 

Entchen

Dann war das ein kleines Entchen, welches den Anschluss an seine Familie (aufgrund von Neugierde?) verlor und dann von uns groß gezogen wurde. – Seine Präsenz lockte zahllose andere Enten an, so dass wir manchmal fast 20 Enten auf dem kleinen Teich schwimmen hatten.

 

Raben

Dann waren es Raben, die in der Nähe ihre Jungen großzogen, und denen eine kleine Zufütterung sehr gelegen kam. In ihrem Gefolge oftmals auch Krähen, Elstern, Dohlen – wohlgemerkt in dieser Reihenfolge, welche sie respektvoll einhielten.

 

Schwarmmeisen

Dann waren es "Schwarmmeisen", eigentlich waren es ganz gewöhnliche Kohl – und Blaumeisen. Doch in Folge von guten Nachwuchsmöglichkeiten hatte sich ihre Population in der Region so vermehrt, dass sie ein Verhalten an den Tag legten, das man eigentlich eher von Spatzen kennt.

 

2007/8

                                   Bilder vom Tierchen:

 

Rotkehlchen

Und dann war da unser Rotkehl (Rotkehlchen), dessentwegen ich diese Geschichte überhaupt nur aufschreibe.

Rotkehlchen erweichen sehr leicht das Herz eines Menschen. Das war bei uns natürlich nicht anders. Das liegt womöglich an ihrem Aussehen, die rötliche Brust, die weit zur Seite schauenden kleinen dunklen Knopfaugen, die recht langen Beinchen – womit es sich von anderen Vogellieblingen, wie meinetwegen Meisen, deutlich unterscheidet.

 

Perfekte Tarnfarbe

Rotkehlchen sind bei uns eigentlich recht verbreitet, doch im Vergleich zu Spatzen, Meisen oder Amseln treten sie doch deutlich seltener in Erscheinung. Und betrachtet man sie von hinten,  haben sie eine perfekte Tarnfarbe, welche sie auch für unser Auge fast unsichtbar macht.

 

Fettfutter

Nun war da also ein Rotkehlchen, welches sich immer öfter in unserer Nähe zeigte. Etwas, was uns all die Jahre vorher noch nie aufgefallen war. – Es schien sich öfter am Fettfutter (Haferflocken zwei zu eins vermischt mit Pflanzenmargarine) zu bedienen, welches wir vorzugsweise für die Amseln und Meisen auslegten. – Ein Rotkehlchen, das so etwas futtert, schien uns etwas ungewöhnlich. Doch wenn es ihm schmeckt, soll es sich bedienen, wie es ihm beliebt.

 

Im Kochtopf

Seine Besuche an der Futterstelle wurden immer häufiger. Unsere besondere Aufmerksamkeit bekam er spätestens, als er hin und wieder zum Futtern direkt in den Vorratstopf hinein flog, in dem das Tierchen völlig verschwand und erst nach einer gewissen Zeit wieder herausflog. Mutig, dachten wir, das machen die anderen Vögel nicht. Zumindest dann nicht, wenn wir in der Nähe sind und nur dann steht der Topf dort auf der Terrasse.

 

Schiefschnabel

So kam jener kleine Gast also oft in unsere Nähe. … Irgendwann fiel uns jedoch auf, dass sein Schnäbelchen etwas merkwürdig aussah. So, als wenn die Schnabelhälften nicht richtig schlössen. – Wohl ein Grund, dachten wir, weswegen er auf alternative Nahrungsquellen zugriff. Denn mit einem Schnabel, der nicht richtig schließt, wird man sich nur mit großer Mühe seine Nahrung beschaffen können. Und bei einem Rotkehlchen dürften das vorzugsweise kleine Insekten sein.

 

Revier verteidigen

Dieser schiefe Schnabel war nun auch sein Erkennungszeichen für uns geworden, denn ein weiteres Rotkehlchen machte ihm manchmal sein Revier streitig. Doch "Schiefschnabel" wusste diesen immer schnell zu vertreiben. Sein helles Klimpern verriet uns immer, wenn er diesen Konkurrenten in seiner Nähe ausgemacht hatte. Dann war er immer für eine Weile in höchster Erregung.

 

Er erwartete uns

Die Monate vergingen, das Tier wurde uns immer vertrauter. Wenn wir in den Garten gingen, konnten wir sicher sein, dass er uns schon erwartete. Denn kaum waren wir dort, kam er auch schon zur Futterstelle geflogen und erwartete sein Futter, welches wir für ihn nicht ins Futterhäuschen, sondern auf den Boden legten. Hier futterte er offenbar lieber. Manchmal erwartete er uns auch schon vor Ort.

 

Nickerchen

Wenn die Temperaturen es zuließen verbrachten wir oft viele Stunden auf der Terrasse und konnten so beobachten, dass er eigentlich recht häufig zum Futtern kam. Vielleicht so alle 15 Minuten. Manchmal flog er danach fort, doch genauso konnte es sein, dass er sich in die Terassenbegrenzung direkt neben uns setzte, um etwas zu ruhen, denn meist schloss er hier sehr schnell die Augen.

 

Badewut

Wie oft kam er mit völlig durchnässtem Federkleid. – Ich kann nicht sagen wie oft, doch manchmal dürfte er stündlich ein Bad genommen haben. Dass sich Rotkehlchen so oft baden war mir unbekannt. Überdies war er auch ein richtiger Trinker, denn fast nach jeder Mahlzeit war er auf der Regentonne um etwas trinken.

 

Bei der Gartenarbeit

Wen wundert es, dass er uns auch bei der Gartenarbeit öfter über die Schultern sah. Schließlich verband er mit uns ja Futter. Und bei der Gartenarbeit werden oftmals kleine Würmchen aus der Erde herausgeholt. Dann war er da und sah diese kleinen Tiere, die wir niemals gesehen hätten. Doch sein Auge war eben ganz anders auf diese Futterquelle ausgelegt. Nur der Verzehr dieser Würmchen klappte wegen seines schiefen Schnabels nicht immer.

Manchmal hüpfte er dabei so dicht zwischen und unter uns herum, dass wir uns vorsichtshalber nicht zu bewegen wagten, um den kleinen Kerl nicht aus Versehen zu zertreten.

 

Ständiger Begleiter

Rotkehl wurde zusehends unser Begleiter. Immer öfter war er in unserer Nähe. Und wenn er einmal nicht da war, fehlte auch irgendwie etwas. Doch das kam selten vor, auf ihn war wirklich Verlass. Na ja, auf uns auch, denn wir bemühten uns, dass wir ihm regelmäßig sein Futter brachten. Immerhin war dieses so portioniert, dass er es zwar mit Mühe, aber doch hinuntergeschluckt bekam.

 

Fehlende Federn

Dann fiel uns ein heller Fleck auf seiner Stirn auf. Dabei handelte es sich um einen kleinen Bereich über dem Schnabel, wo einfach die Federn fehlten. Aber anstatt dass er sich wieder regenerierte, schien der Fleck größer zu werden und genauso schien auch der Schnabel  noch schiefer zu werden.

 

Revieransprüche

Trotz seines Handicaps verteidigte er sein Revier nach allen Regeln der Kunst (eines Vogels). Sei es einfach nur durch sein durchdringendes Klimpern, oder aber, wenn es denn sein musste, durch fortjagen, indem er mutig auf seinen Rivalen zuflog. Auch eigentlich größere Tiere wie Kohlmeisen wurden nicht selten des Platzes verwiesen. Für jene Tiere eher etwas gewöhnungsbedürftig, wenn ein "Kleiner" sich in solcher Weise aufführte.

 

Zutraulicher

Der Frühling hielt Einzug, die Tage wurden wieder länger, und somit waren wir auch wieder länger im Garten. Und so wuchs auch die Vertrautheit mit dem kleinen Tier. Waren wir bei der Gartenarbeit,  flog er auch mal auf den Schuh. Saßen wir, flog er auch mal aufs Knie. Wir freuten uns schon auf den Sommer mit ihm, denn was würden wir wohl noch alles mit ihm erleben.

 

Er schaut uns nur an

Wie gewohnt kamen wir in den Garten. Rotkehl saß schon im Vogelhaus und schien uns zu erwarten. Doch etwas war anders. Er saß dort und machte keine Anstalten zum frisch ausgelegten Futter zu fliegen, was er in den letzten Monaten zu tun pflegte. – Er saß dort und schaute uns an. Während ich die erforderlichen Handgriffe vornahm, damit wir im Garten alles dort haben, wo wir es brauchen, unterhielt sich meine Frau die ganze Zeit noch mit dem Vögelchen. Als ich wieder dazukam, saß er immer noch im Futterhaus. Ich schaute ihn mir genauer an. Die Stelle über dem Schnabel war irgendwie dicker geworden. Ich meinte zu meiner Frau, es müsse ein Tumor sein. (Offensichtlich wohl auch die Ursache für den schiefen Schnabel.)

 

Der Abschied

Und dann wurde mir bewusst, der Vogel wollte sich von uns verabschieden. Das war ein ganz deutlicher telepatischer Impuls. Traurigkeit überkam mich. Vielleicht noch ein oder zwei Minuten, dann flog er davon ohne jedoch vorher noch etwas zu futtern. Ich war mir jetzt ganz sicher, er hat sich nur noch von uns verabschieden wollen.

 

Er ist nicht mehr

Das was ich befürchtet hatte, war Gewissheit geworden, unser Rotkehl war am nächsten Tag nicht mehr da. Ich war sehr traurig; wohl weniger, weil unser kleiner Geselle von uns gegangen war, was an sich natürlich traurig war, doch das ist Teil unseres Lebens. Leben und sterben, das ist ein Teil unserer Wirklichkeit. Doch ein kleiner Vogel von der Größe eines Sperlings verabschiedet sich von uns, bevor er aus dem Leben scheidet, das hat mich doch bis in die innerste Seele gerührt.

 

Kein Zufall

Wenn ein Tier merkt, dass sein Ende kommt, und dass scheinen Tiere fast immer rechtzeitig verinnerlichen zu können, verkriechen sie sich irgendwohin und warten darauf, dass die Seele ihre Hülle verlässt, was letztendlich auch der Tod des Tieres ist. Doch wenn Rotkehl schon wusste, dass seine Zeit gekommen war, weswegen flog er aus dem Unterholz zum Futterhaus, nicht um dort zu essen, sondern nur um auf uns zu warten?

 

Phänomen

Wenn sich nahe stehende Menschen von einem verabschieden, ist das allseits bekannt. Und auch hier kommt oft die geistige Komponente mit ins Spiel, denn solche Verabschiedungen sind oft mit paranormalen Phänomenen verbunden. Und sei es nur, dass sich ein lieber Angehöriger im Traum von einem verabschiedet.

 

Tiere mit Seelen

Doch so ein kleines Vögelchen – offenbar scheint es hier auch so etwas wie geistige Komponenten zu geben, die wir jedoch vom Umfang her überhaupt noch nicht begreifen. Tiere sind mehr als nur dumme Geschöpfe der Natur. In ihnen können geistige Prozesse aktiv werden, die ihnen selbst wohl nicht einmal bewusst sind. – Das erklärt zumindest, weswegen bestimmte Menschen mit Tieren reden (kommunizieren) können. Ja sogar Pflanzen sollen besser wachsen, wenn man mit ihnen redet.

 



Autor: B. Freytag

www.berndfreytag.de/diesudas/Rotkehl.htm